
Ich bin da, trotzdem - hörst Du?
ein Stück Tanz, Schauspiel, Musik in arabischer, deutscher und hebräischer Sprache
basierend auf "Gespräch im Gebirg" von Paul Celan mit einer poetischen Antwort von Thaer Ayoub
Da ist ein Prosatext "Gespräch im Gebirg", aufgeschrieben 1959 von einem jüdischen Autor, der die Shoah überlebte. Darin gehen Jud klein und Jud groß aufeinander zu, begegnen einander im Gebirg, führen ein Gespräch, in dem die Sprache an ihre Grenzen stößt und die Ohnmacht vor dem Unfassbaren, Unsagbaren spürbar wird. Das Gebirg - ein Ort der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit, in dem man sich klein und ausgeliefert fühlen kann. Ein Bild für das Exil, für verschiedene Exile... Und Paul Celan hatte gesagt, dass er nicht möchte, dass man seine Texte autobiographisch versteht. Sie sind mehr.
So beschäftigen wir uns mit diesem Text seit 2023, durch die letzten zwei Jahre und ihre Ereignisse hindurch und finden in "Gespräch im Gebirg" Echos der aktuellen Geschehnisse, neue und alte Traumatisierungen und ihren Folgen, die wir alle unterwegs sind, "auf dieser Straße hier, von der sie sagen, dass sie schön ist", abgetrennt voneinander, oder miteinander?
Wir sind drei Menschen auf der Bühne.
Die Eine vollzieht einen parcours durch das Feld von Stöcken und Steinen in der Sprache des Tanzes, sich in Verbindung zu Celans Worten bewegend, die wir einmal vollständig in deutscher Sprache über Lautsprecher, von außen hören. Dabei spielen Zittern, Fliehen und zum Stein werden eine große Rolle, auch die Sehnsucht nach Verbundenheit.
Aus der Landschaft der Stöcke und Steine erhebt sich ein Zweiter, auf Hebräisch. Sie verstehen einander scheinbar, aber sie reden nicht wirklich miteinander, sie funktionieren nebeneinander, doch sie hören einander nicht wirklich zu. Die Sprache stößt an ihre Grenze und die Musik übernimmt, wo die Worte nicht weiter kommen. Die Eine meint, dass der Andere in seinem Spiel auf der Flöte geschützt werden muss, vor dem möglichen Dritten, von dem sie wissen, dass er da ist, den sie aber nicht wahrnehmen. So baut sie verzweifelt und mit Aufbringen der letzten Kraft einen Schutzwall aus Stöcken um den Musiker herum und rettet sich selbst in diese Insel.
In dem Moment kann der Dritte nicht mehr übersehen und überhört werden, denn er nimmt den Schutzwall auseinander. Die zwei werden in Celans Worten in arabischer Sprache mit einem Gespräch konfrontiert, dem sie nicht ausweichen können.
Zu dritt bewegen sie sich im gleichen Rhythmus in Füßen und Händen über das Feld, in dem die Stöcke und Steine zu menschlichen Gestalten geworden sind und versuchen die Toten wieder zu beleben. Und hier erzählt uns der Dritte, ein Überlebender in der Gegenwart, mit eigenen Worten, was er Celan vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen zu antworten hat: "Gespräch im Orangenfeld".
Wer sind wir Drei? In Celans Sprache: die Geschwisterkinder. Die Steine sind unser Schmerz, die Stöcke unsere Wut. Das verbindet uns. Auch mit dem Publikum. Vielleicht sind wir auch drei Teile einer Persönlichkeit, die sich abgespalten haben, die einander nicht mehr sehen und nicht mehr miteinander reden, die sich aber trotzdem wieder verbinden wollen.
Mit dieser Inszenierung wollen wir die Grenzen der Identitäten und Sprachen auflösen und unser Menschsein wieder einfordern.
Konzept/ Tanz/ Schauspiel:
Yael Schüler
Performance / Text:
Thaer Ayoub
Performance/div. Blockflöten:
Raphael Isaac Landzbaum
Choreographie: Katja Münker
Oeil extérieur: Muriel Bader
Produktionsleitung:
Mali Haustrate
Kostüme:
Sandra Markgraf
