© 2018 Yael Schüler

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Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Aharon Appelfeld 

Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen

Aharon Appelfeld  wurde 1932 in Czernowitz geboren. Nach Verfolgung und Krieg, die er im Ghetto, im Lager, dann in den ukrainischen Wäldern und als Küchenjunge der Roten Armee überlebte, kam er 1946 nach Palästina.

In Israel wurde er später Professor für Literatur. Seine hochgelobten Romane und Erinnerungen sind in vielen Sprachen erschienen, auf Deutsch zuletzt „Bis der Tag anbricht“, „Elternland“, „Blumen der Finsternis“, „Geschichte eines Lebens“ und „Katerina“. Aharon Appelfeld, Träger unter anderem des Prix Médicis und des Nelly Sachs Preises lebte in Jerusalem und ist am 4.1.2018 gestorben.

Schauspiel: 

Adrian Winter

Regie/Textfassung:

Yael Schüler

Oud/Videokreation:

Or Sarfati

Viola:

Marie Takahashi  

Sprachversionen:  

Deutsche

Gerade zum Zeitpunkt seines Todes las Schauspielerin und Regisseurin Yael Schüler Appelfelds Roman „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ und begann über eine szenische Umsetzung desselben nachzudenken. Nun ist es leider nicht mehr möglich ihn persönlich kennen zu lernen, aber womöglich umso notwendiger der Nachwelt das näher zu bringen, was Appelfeld als Kind durchgemacht hat und was er auf so außergewöhnliche Weise literarisch, ein Leben lang mit der Sprache ringend, in Form gebracht hat. Außergewöhnlich deshalb, weil er seine eigenen Erlebnisse z.B. in „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ verarbeitet, ohne dass man es eine Autobiographie nennen könnte. Er lässt sachliche Angaben wie genaue Zeit, historisch eindeutig besetzte Worte, die zum Holocaust gehören weg. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf das subjektive Erleben eines Jugendlichen, der seine Kindheit, seine Pubertät, seine Herkunftsfamilie und –Umgebung verloren hat. Diese Subjektivität macht seine Geschichte so universell und so lohnenswert heute auf der Bühne gezeigt zu werden. Tatsächlich ist Schlaf und Schlafstörungen auch ein wichtiges Thema bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen heute. Posttraumatische Belastungsstörungen haben Auswirkungen besonders auch auf das Schlafverhalten.  Sie können die Form annehmen von Schlafangst, Alpträumen, Insomnia oder eben ein ständiges Schlafen wie bei Aharon Appelfeld. Im Schlaf verarbeiten wir, was uns belastet.


Diese Inszenierung berührt jedoch jenseits des politischen und historischen Kontextes. Die einen mögen einen Flüchtling in einem heutigen Lager sehen, die anderen einen Holocaust – Überlebenden. Doch weit entfernt davon Fluchtursachen vergleichen zu wollen, legen wir den Schwerpunkt auf die Ungeheuerlichkeit menschlichen Willens zum Weiterleben, die Kraft, die der Protagonist aus der Kreativität schöpft, um doch noch weiter leben zu wollen und worin er seinen persönlichen Sinn findet.

Bestärkt wird er in dieser Sinnsuche durch die Gespräche und Begegnungen mit seinen nicht mehr anwesenden Lieben im Traum. Besonders und immer wieder kehrend ist der Dialog mit seinem Vater. Eine Figur, die er zunächst als belastend erlebt, dann aber dessen sehnlichsten Wunsch zu seinem macht, nämlich Schriftsteller zu werden. Ein mühevoller Prozess des sich vollständig allein und verloren Wissens, ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen seiner inneren Welt, also seiner verlorenen Vergangenheit und der äußeren Realität in der Gegenwart, mit der er nichts anfangen kann und die er nicht freiwillig gewählt hat, findet seine Erlösung darin, dass er durch das Schreiben, Innen und Außen, Vergangenheit und Gegenwart wieder zu verbinden lernt. Erschwerend kommt hinzu, dass die äußere Realität von ihm verlangt sich eine neue Sprache anzueignen und seinen Namen zu ändern. Es geht hier um das Ringen um die eigene Identität, herausgerissen von dem Ort und der sozialen Umgebung, in die man hineingeboren wurde. So kann diese Inszenierung einerseits hellhörig machen für das Schicksal heutiger Flüchtlinge, andererseits einen Hinweis darauf geben, dass auch die im damaligen Palästina angekommenen Menschen überwiegend Flüchtlinge waren, die nicht aus freiem Willen dort waren, sondern aus äußeren Zwängen. Sowohl von den Einen, als auch von den Anderen  kann man nicht erwarten, dass sie ihr Trauma über Bord werfen, sich ohne Widerstände in die gegebenen Lebens- und Gesellschaftsstrukturen einfügen, den Mitmenschen vertrauen und auf die Zukunft ausgerichtet sind. Ist es nicht ein Wunder, dass sie überhaupt noch leben und sich nicht wie der Freund des Protagonisten, Marek, das Leben genommen haben?

Die beiden Musiker in dieser Inszenierung begleiten den Schauspieler nicht nur musikalisch. Sie tragen die gleiche Kleidung wie er – kakhi-, sie sind auf der Bühne als Figuren präsent, die ihn immerfort beobachten. Sind es zwei seiner Kameraden aus dem Vorbereitungslager, die den feindlichen Angriff bei ihrem ersten militärischen Einsatz nicht überlebt haben?


Sind es die Geister aus seiner Vergangenheit, nach denen er sich die ganze Zeit sehnt? Manchmal projiziert er in sie auch Vater und Mutter.